Familienrezepte aufschreiben: eine Anleitung mit Vorlagen
In Omas Küche lag alles in einer blauen Keksdose. Kassenzettel mit Mengen auf der Rückseite. Ein Briefumschlag mit der Aufschrift "Für den Winter". Zwei Seiten aus einem Schulheft. Als wir die Dose nach ihrem Umzug geöffnet haben, war die Hälfte nicht mehr zu lesen. Bleistift verwischt, Tinte verblasst, ein Zettel klebte am Boden fest. Seitdem weiß ich: Familienrezepte aufschreiben ist keine Bastelarbeit für einen Regensonntag. Es ist Arbeit, die man einmal ordentlich macht. Hier steht, wie wir vorgegangen sind, mit einer Vorlage zum Abschreiben.
Warum die Zettel verschwinden
Niemand wirft Omas Zettel weg. Sie verschwinden trotzdem. Sie liegen in einem Kochbuch, das jemand ausleiht. Sie kleben an der Innenseite eines Schrankes, der beim Umzug entsorgt wird. Sie stehen auf der Rückseite eines Briefes, den ein Enkel für Papier hält.
Das zweite Problem ist die Sprache. Oma hat für sich geschrieben, nicht für uns. Auf einem Zettel steht "Mehl, Milch, das Übliche". Auf einem anderen "eine Tasse". Welche Tasse, weiß niemand mehr. Wir haben später eine gefunden, die 180 Milliliter fasst. Sicher sind wir nicht.
Deshalb steht am Anfang nicht das schöne Papier. Am Anfang steht das Fragen. Wenn die Person noch lebt, die das Rezept kennt, setz dich mit einem Block daneben und lass es einmal vorkochen. Schreib mit, während gearbeitet wird. Nicht danach.
Die Vorlage: neun Felder auf jeder Karte
Jede Karte bekommt dieselben Felder, immer in derselben Reihenfolge. Das klingt streng. Es ist der Grund, warum man drei Jahre später noch etwas findet.
- Name, so wie er in der Familie benutzt wird.
- Von wem das Rezept stammt und wer es aufgeschrieben hat.
- Datum des Aufschreibens.
- Zutaten mit Mengen in Gramm, Millilitern und Stück. Keine Tassen.
- Ergebnis, also wie viel am Ende herauskommt.
- Arbeitsschritte, nummeriert, jeder Schritt ein Satz.
- Zeiten und Temperaturen.
- Aufbewahrung: Behälter, Ort, wie lange.
- Ein Satz von Oma, wörtlich.
Feld neun sieht überflüssig aus. Es ist das Feld, das später gelesen wird. Auf unserer Karte für Kartoffelsuppe steht: "Der Löffel muss stehen bleiben, sonst ist es Wasser."
Familienrezepte aufschreiben: ein Beispiel Feld für Feld
Hier eine fertige Karte aus unserem Kasten, ein Haushaltstipp, den Oma zweimal im Jahr angesetzt hat.
Name: Zitronenessig für die Küche
Von: Oma, aufgeschrieben von der Enkelin, März
Zutaten: 1 Liter Haushaltsessig mit 5 Prozent Säure, Schalen von 4 unbehandelten Zitronen, 1 Schraubglas mit 1,5 Litern Inhalt
Ergebnis: etwa 1 Liter Ansatz, ergibt verdünnt 2 Liter
Schritte:
- Zitronen heiß abwaschen und trocken reiben.
- Schale dünn abschälen, das Weiße bleibt an der Frucht.
- Schalen ins Glas geben, Essig aufgießen, Glas verschließen.
- 14 Tage dunkel stehen lassen, alle zwei Tage schütteln.
- Durch ein Sieb in eine Flasche gießen, Schalen entsorgen.
- Zum Putzen 1 Teil Ansatz mit 1 Teil Wasser mischen.
Aufbewahrung: dunkle Flasche, Vorratsschrank, beschriftet mit Datum
Omas Satz: "Essig kommt nie auf den Marmor."
Der letzte Satz ist eine Warnung, keine Redensart. Essig gehört nicht auf Naturstein, nicht auf geölte Holzarbeitsplatten und nicht auf Fugen aus Kalk. Genau solche Sätze gehen verloren, wenn nur die Zutatenliste abgetippt wird.
Rezeptkarten selber machen: Papier, Format, Schrift
Wer Rezeptkarten selber machen will, entscheidet zuerst über das Format. Wir nehmen A6, also Postkartengröße. Das passt in einen Karteikasten aus dem Schreibwarenladen und liegt neben dem Brett, ohne das halbe Brett zu belegen.
Papier: 250 bis 300 Gramm Karton. Dünneres Papier wellt sich, sobald ein Tropfen daneben geht.
Schreibgerät: erst Bleistift, dann nachziehen mit einem dokumentenechten Fineliner in 0,5 Millimeter. Kugelschreiber verläuft, wenn Fett darauf kommt. Filzstifte bleichen am Fenster aus.
Zwei Regeln haben sich bewährt. Nur eine Seite beschreiben, weil man die Karte beim Kochen sonst umdreht und die Rückseite nass wird. Und die Mengen linksbündig untereinander, damit man beim Abwiegen mit dem Finger die Zeile halten kann.
Laminieren muss man nicht. Wir haben es bei den zehn Karten gemacht, die wöchentlich benutzt werden. Bei den anderen fanden wir den Griff von Karton angenehmer, und beschreiben lässt sich laminiertes Papier nicht mehr.
Eine Rezeptsammlung anlegen: Reihenfolge und Kapitel
Beim Anlegen einer Rezeptsammlung scheitern die meisten an der Sortierung. Alphabetisch klingt vernünftig, nützt aber wenig, wenn man den Namen nicht mehr weiß.
Wir sortieren nach Anlass. Neun Kapitel reichen für eine Familie:
- Küche und Vorrat
- Einkochen und Haltbarmachen
- Reinigen
- Wäsche
- Garten und Balkon
- Winter
- Kinder und Enkel
- Geschenke aus der Küche
- Leere Karten zum Nachtragen
Jede Karte bekommt oben rechts eine Nummer, zum Beispiel 3.07 für die siebte Karte im Kapitel Reinigen. Wer die Nummern konsequent vergibt, kann die Karte nach dem Kochen ohne Nachdenken zurückstecken. Ein Registerblatt pro Kapitel, mehr Ordnung braucht es nicht.
Das Kapitel mit den leeren Karten ist wichtig. Solange dort Platz ist, wird nachgetragen. Wenn es keine leeren Karten gibt, landen neue Rezepte wieder auf Zetteln.
Der Rezeptordner für den Alltag
Neben dem Kasten steht bei uns ein Rezeptordner in A5, ein Ringbuch mit vier Löchern. Darin liegen Einlagen mit Lochrand, also Blätter, die schon gelocht sind und Platz für längere Rezepte bieten. Alles, was mehr als zwölf Schritte hat, kommt in den Ordner. Was auf eine Karte passt, bleibt im Kasten.
Ein Rat aus Erfahrung: Die Originalzettel von Oma gehören nicht in den Ordner und nicht an den Herd. Wir haben sie in einer flachen Schachtel im Schlafzimmerschrank, mit Datum und Namen auf einem Beileger. In Benutzung sind nur die abgeschriebenen Karten. Wenn eine verschmutzt, schreiben wir sie neu.
Was schiefgehen kann
Der häufigste Fehler ist das Abschreiben ohne Nachkochen. Wir haben elf Karten getippt und beim ersten Kochen gemerkt, dass in vier Rezepten ein Schritt fehlte, weil Oma ihn für selbstverständlich hielt. Koch jedes Rezept einmal nach der eigenen Karte. Was du dabei fragen musst, fehlt auf der Karte.
Der zweite Fehler sind unklare Mengen. "Eine Prise" ist keine Menge. Wir haben Oma die Prise dreimal in einen Teelöffel schütten lassen und den Durchschnitt notiert.
Der dritte Fehler ist das fehlende Datum. Ohne Datum weiß niemand, welche der zwei Versionen die neuere ist.
Der vierte Fehler ist Ehrgeiz. Zwanzig Karten an einem Wochenende sind zu viel. Drei pro Woche schafft man neben allem anderen, und nach einem halben Jahr steht die Sammlung.
Was wir nicht auf die Karten schreiben
Auf Omas alten Zetteln stand manchmal, wofür etwas gut sein sollte. Auf unseren Karten steht das nicht mehr. Wir schreiben auf, was gemacht wurde, was hineinkommt und wie es zubereitet wird. Angaben zu gesundheitlichen Wirkungen stehen auf unseren Karten nicht.
Das hat zwei Gründe. Wir sind keine Ärztinnen und keine Apothekerinnen. Und sobald man solche Aussagen veröffentlicht oder etwas damit verkauft, sind sie in Deutschland streng geregelt. Wir lassen sie deshalb überall weg, dann muss man beim Abschreiben nicht zweimal nachdenken. So bleibt die Sammlung das, was sie ist: eine Familiengeschichte mit Mengenangaben.
Wann du zur Ärztin oder zum Arzt gehst
Dieser Text beschreibt, wie in unserer Familie gekocht, gearbeitet und aufgeschrieben wurde. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und macht keine Aussagen über gesundheitliche Wirkungen. Wenn Beschwerden länger als wenige Tage bestehen, stärker werden oder mit hohem Fieber, Atemnot, starken Schmerzen oder Hautausschlag einhergehen, geh bitte zur Ärztin oder zum Arzt. Das gilt besonders bei Säuglingen, kleinen Kindern, in der Schwangerschaft, in der Stillzeit und bei chronischen Erkrankungen. Honig gehört nicht in die Ernährung von Kindern unter einem Jahr. Prüf bei bekannten Allergien jede Zutat vorher. Wer Medikamente einnimmt, bespricht Zutaten und Mengen vorab in der Praxis oder Apotheke.
Wenn du nicht bei null anfangen möchtest
Genau diese Vorlage steckt hinter den Rezeptkarten, die wir aus Omas Sammlung gemacht haben: 124 Karten im Vintage-Look, dazu leere Karten zum Selbstausfüllen, Einlagen mit Lochrand für den Ordner und Etiketten für die Vorratsgläser. Es sind PDF-Dateien zum Ausdrucken. Wer lieber selbst zeichnet und schreibt, braucht sie nicht, die neun Felder oben reichen. Wer den Kasten schon morgen auf dem Tisch haben will, findet alles hier: Zum Etsy-Shop OmasHausmittel