Wunschzettel schreiben mit Kindern: Ritual, Brief und Familienliste
Bei meiner Oma lag der Wunschzettel nie unter dem Kopfkissen und nie im Briefkasten. Er lag auf dem Fensterbrett in der Küche, gleich neben dem Geranientopf, mit einem Stein beschwert, damit der Wind ihn nicht holt, wenn sie lüftet. Am ersten Adventssonntag legte ich ihn dort hin, und am nächsten Morgen war er weg. Oma sagte, das Christkind käme nachts durchs gekippte Fenster und nähme ihn mit. Ich habe jahrelang geglaubt, dass ihre Küche der einzige Ort auf der Welt ist, an dem das Christkind persönlich vorbeischaut.
Heute weiß ich, dass sie den Zettel morgens um sechs in ihre Schürzentasche gesteckt und bis Weihnachten in der Nachttischschublade aufbewahrt hat. Ich habe ein paar davon nach ihrem Tod gefunden, mit meiner krakeligen Schrift und ihrem Bleistiftvermerk am Rand: „Puppenwagen – fragen, ob Tante Gerda.“ Deshalb halte ich den Wunschzettel für eines der schönsten Rituale im Advent: Das Kind muss sich entscheiden, was es wirklich will, die Verwandten müssen nicht raten, und wer die Zettel aufhebt, hat in zwanzig Jahren eine kleine Chronik von gemalten Kringeln bis zur Handschrift eines Teenagers.
Ab welchem Alter Kinder mitmachen können
Ein richtiges Alter gibt es nicht, aber Stufen, die bei uns gut gepasst haben.
- Ab etwa zwei Jahren: malen. Das Kind malt, was es sich wünscht, oder klebt Bilder aus einem Prospekt auf. Du schreibst daneben, was gemeint ist. Ein Kreis mit Strichen war bei meinem Neffen ein Bagger, und ohne unsere Notiz wüsste das heute niemand mehr.
- Ab etwa drei bis vier Jahren: diktieren. Das Kind sagt, du schreibst. Schreib wörtlich mit, auch die Begründungen. „Ein Roller, weil Lena auch einen hat“ ist viel schöner als nur „Roller“.
- Ab etwa sechs Jahren: selbst schreiben. Die ersten Wörter in Druckbuchstaben, gern mit Rechtschreibfehlern. Verbessere nichts. Das Christkind versteht auch „Fahrat“.
- Ab etwa zehn Jahren: selbst schreiben, aber mit Rahmen. Jetzt braucht es Regeln, sonst wird es eine Liste mit dreißig Punkten. Dazu gleich mehr.
Wichtig ist bei allen Stufen: Nimm dir einen festen Termin. Bei uns ist es der Nachmittag des ersten Advents, nach dem Kaffee, wenn die erste Kerze brennt. Buntstifte, Papier und Sticker liegen bereit, und es gibt keine Eile.
Wünsche sortieren: drei große, ein paar kleine, einer ohne Geld
Omas Regel war einfach, und ich habe sie übernommen. Der Zettel hat drei Teile.
- Drei große Wünsche. Nicht mehr. Das Kind muss sich entscheiden, und das ist der eigentliche Kern des Rituals. Wenn es zehn hat, lass es alle aufschreiben und dann streichen, bis drei übrig sind. Das Streichen dauert manchmal länger als das Schreiben.
- Ein paar kleine Wünsche. Vier bis sechs Dinge, die auch in einen Stiefel passen würden: ein Buch, Malstifte, ein Kartenspiel, Socken mit Muster. Das ist der Teil, aus dem sich Tanten, Paten und Nachbarn bedienen können.
- Ein Wunsch, der kein Geld kostet. Ein Ausflug zum Schlittenfahren, ein Abend mit Brettspiel, einmal allein mit Papa Pfannkuchen backen, eine Übernachtung bei Oma. Dieser Wunsch war bei uns Pflicht, und rückblickend sind genau das die Dinge, an die ich mich erinnere.
Schreib zu jedem großen Wunsch eine Zeile dazu, warum. Für die Verwandten ist das ein Hinweis, ob der Wunsch von Dauer ist oder aus der Werbung von gestern Abend stammt.
Der Brief ans Christkind oder an den Weihnachtsmann
Bei uns in der Familie war es das Christkind, bei meinem Mann der Weihnachtsmann. Beides funktioniert nach demselben Muster: Anrede, ein Satz über das Jahr, die Wünsche, ein Dank, der Name.
Ein paar Formulierungen, die Kinder gern übernehmen und abwandeln:
- Anrede: „Liebes Christkind,“ oder „Lieber Weihnachtsmann,“ – bei ganz kleinen Kindern gern auch „Hallo Christkind!“
- Über das Jahr: „Ich bin dieses Jahr in die Schule gekommen.“ „Ich habe Schwimmen gelernt.“ „Ich habe mich oft mit meinem Bruder gestritten, aber wir haben uns immer wieder vertragen.“
- Die Wünsche: „Ich wünsche mir am allermeisten …“ „Wenn das nicht geht, freue ich mich auch über …“ „Und ich wünsche mir, dass wir alle zusammen Schlitten fahren.“
- Zum Schluss: „Ich stelle dir Plätzchen hin.“ „Grüß die Engel von mir.“ „Vielen Dank und bis Weihnachten, deine Marie.“
Der Brief wird gefaltet, in einen Umschlag gesteckt und entweder aufs Fensterbrett gelegt, so wie bei Oma, oder tatsächlich zur Post gebracht.
Die Weihnachtspostfilialen der Deutschen Post
Die Deutsche Post betreibt jedes Jahr ab November Weihnachtspostfilialen, in denen ehrenamtliche Helfer die Briefe beantworten. Die bekanntesten Orte sind:
- Himmelpfort in Brandenburg, die größte Filiale, hier antwortet der Weihnachtsmann.
- Engelskirchen in Nordrhein-Westfalen, hier antwortet das Christkind.
- Himmelstadt in Bayern, ebenfalls das Christkind.
- Himmelpforten in Niedersachsen, hier antwortet der Weihnachtsmann.
Dazu kommt das Nikolauspostamt in St. Nikolaus im Saarland, das ein Verein betreibt; dort antwortet der Nikolaus.
Anschriften und Fristen schau bitte jedes Jahr neu bei der Deutschen Post nach, sie ändern sich. Damit die Antwort vor Heiligabend ankommt, gilt in der Regel der dritte Advent als Frist. 2026 ist das der 13. Dezember; bis dahin sollte der Brief in der Filiale angekommen sein, also wirf ihn spätestens in der Woche davor ein.
Was oft vergessen wird: Der Absender muss vollständig und gut lesbar auf dem Umschlag stehen, sonst kann keine Antwort kommen. Schreib ihn selbst hin, wenn das Kind noch nicht schreibt, und kleb eine Briefmarke drauf. Leg dem Brief eine Kopie des Zettels bei, sonst weißt du beim Einkaufen nicht mehr, was auf der Liste stand.
Zettel für Erwachsene, für Oma und Opa und für die ganze Familie
Bei uns schreiben alle einen Zettel, auch die Großen. Das klingt erst albern, erspart aber die dritte Duftkerze in Folge.
Der Zettel für Erwachsene ist kürzer: zwei bis drei Wünsche mit einer Preisspanne, ein bis zwei kleine Dinge, und auch hier ein Wunsch ohne Geld. „Einmal ausschlafen, während ihr frühstückt“ stand bei meiner Schwester drei Jahre hintereinander drauf.
Für Oma und Opa ist der Zettel besonders wichtig, weil Kinder und Enkel sonst raten. Frag konkret: Was ist im Haushalt kaputt oder fehlt? Welches Buch, welcher Ausflug? Auf „Ich brauche nichts“ frag anders: Was habt ihr früher gern gemacht und lange nicht mehr getan? Daraus wird ein Zettel mit Dingen wie „Fahrt zum Weihnachtsmarkt in der alten Heimatstadt“ oder „Fotos von den Enkeln, groß gedruckt, für den Flur“.
Wenn alle Zettel fertig sind, übertrage ich sie in einen Familien-Wunschzettel als Tabelle. Sie hängt am Kühlschrank, bei uns hinter einem Kalenderblatt, damit die Kinder nicht dauernd nachschauen. Die Spalten sind:
- Name. Wer wünscht sich etwas.
- Wunsch. Kurz und eindeutig, mit Größe, Farbe oder Band, wenn das wichtig ist.
- Ungefährer Preis. Damit Verwandte einschätzen können, ob es zu ihnen passt.
- Wer schenkt. Wird eingetragen, sobald jemand sich einen Wunsch ausgesucht hat. So bleibt nichts doppelt.
- Erledigt. Ein Haken, wenn das Geschenk besorgt und versteckt ist.
Verwandten, die weit weg wohnen, schicke ich die offenen Zeilen als Nachricht, und jeder trägt sich ein.
Und wirf die Zettel danach nicht weg. Oma hat sie in der Nachttischschublade gesammelt, ohne System, aber vollständig. Ich mache es so:
- Das Original bleibt zu Hause, auch wenn ein Brief zur Post geht. Es wird nicht gelocht und nicht geknickt.
- Datum und Alter auf die Rückseite, mit Bleistift. In zehn Jahren weißt du sonst nicht mehr, ob der Bagger mit drei oder mit vier gemalt wurde.
- Eine Mappe pro Kind, eine Klarsichthülle pro Jahr. Nimm keine Klebefolie, die vergilbt.
- Am Heiligabend noch einmal vorlesen. Bei uns liest jeder seinen eigenen Zettel vom Vorjahr vor, bevor die Geschenke ausgepackt werden. Es gibt jedes Mal Gelächter und manchmal auch einen feuchten Blick.
Omas Wunschzettel für dein Fensterbrett
Weil ich die Zettel jedes Jahr neu gezeichnet habe, habe ich sie irgendwann zusammengestellt: zwölf Vorlagen zum Ausdrucken, für Kinder zum Malen und Schreiben, für Erwachsene, für Oma und Opa und den Familien-Wunschzettel als Tabelle, dazu je ein Briefbogen ans Christkind und an den Weihnachtsmann. Die Sammlung heißt Omas Wunschzettel zum Ausdrucken, und du findest sie hier: Omas Wunschzettel auf Etsy
Und wenn du sie ausgedruckt hast, leg den fertigen Zettel abends aufs Fensterbrett. Ein Stein darauf, das Fenster einen Spalt gekippt. Ich weiß aus Erfahrung, dass er morgens weg ist.
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